{"id":1671,"date":"2023-03-13T12:26:25","date_gmt":"2023-03-13T12:26:25","guid":{"rendered":"https:\/\/dreamsrewired.com\/?page_id=1671"},"modified":"2025-03-05T18:51:17","modified_gmt":"2025-03-05T18:51:17","slug":"soundtrack","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/dreamsrewired.com\/de\/soundtrack\/","title":{"rendered":"SOUNDTRACK"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">DREAMS REWIRED\u00a0\u2013 Zur Musik\u00a0<\/span><span class=\"s2\">\u00a0 Siegfried Friedrich<\/span><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Excerpts from: &quot;Dreams rewired&quot; (2015) by SFriedrich\" width=\"640\" height=\"450\" scrolling=\"no\" frameborder=\"no\" src=\"https:\/\/w.soundcloud.com\/player\/?visual=true&#038;url=https%3A%2F%2Fapi.soundcloud.com%2Fplaylists%2F72212783&#038;show_artwork=true&#038;maxheight=960&#038;maxwidth=640\"><\/iframe><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Die Musik zu\u00a0<b><i>DREAMS REWIRED<\/i><\/b>\u00a0stellte in vielfacher Hinsicht eine besondere Aufgabenstellung dar, die einen innovativen Zugang bereits in der Konzeption des musikalischen Materials und der formalen Struktur erforderte. Die Komplexit\u00e4t der vielf\u00e4ltig verschachtelten filmischen Ebene lie\u00df\u00a0<i>per se<\/i>\u00a0verschiedenste Lesarten und Interpretationen, auch bei der Erstellung der Musik, zu; indes ergab sich eine \u00e4u\u00dferst fruchtbare und inspirierende Zusammenarbeit mit der Regie. Viele der im folgenden skizzierten Wege und Ans\u00e4tze entsprangen diesem Dialog \u2013 dieser gemeinsamen Suche.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">\u00a0In\u00a0<\/span><span class=\"s3\"><b><i>DREAMS REWIRED<\/i><\/b><\/span><span class=\"s2\">\u00a0sind Ausschnitte aus mehr als 200 Filmen zusammengef\u00fcgt und sollen zu einem in dramaturgischer Hinsicht homogenen Werk verschmelzen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Einerseits schien es notwendig, auf der musikalischen Ebene die Plausibilit\u00e4t des Aufeinandertreffens vielf\u00e4ltiger Bildausschnitte zu gew\u00e4hrleisten und als logische Notwendigkeit erscheinen zu lassen, sodass sich auf bildlicher Ebene ein organischer Ablauf ergeben konnte. Andererseits fand ich es ebenso wichtig, die Eigenst\u00e4ndigkeit \u2013 den Wert \u2013 dieser zahlreichen filmischen Trouvaillen nicht nur zu bewahren, sondern im dichten filmischen Schnitt zum Strahlen zu bringen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Die vielf\u00e4ltig verschachtelten und best\u00e4ndig changierenden Reflexionsebenen, mit denen der Film operiert, brachten eine zus\u00e4tzliche Fragestellung mit sich: Mit welchen Augen soll der Betrachter dieses Filmes die gezeigten Filmausschnitte sehen?<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Mit den Augen des heutigen, Menschen, der die Unzul\u00e4nglichkeiten des Filmmaterials, seine Patina bzw. die \u201eVeraltet-heit\u201c in technischer Hinsicht sieht? Oder aber mit den Augen der damaligen Zuschauer, die wohl vom Reiz des Neuen \u00fcberw\u00e4ltigt waren. Soll die Brisanz der Utopie erfahrbar gemacht werden oder die Verg\u00e4nglichkeit der Neuheit? Oder liegt einer jener (f\u00fcr den Film zentralen) F\u00e4lle vor in denen eine Utopie zwar ihre \u00e4u\u00dfere Form adaptiert hat, aber als Utopie nach wie vor \u2013 d. h. in der Jetzt-Zeit \u2013 aktuell ist. Tats\u00e4chlich ist es das gegenw\u00e4rtige Internetzeitalter, in dem viele der im Film pr\u00e4sentierten Tr\u00e4ume und Visionen in der ihnen zugedachten Wichtigkeit real geworden sind; das Zeitalter der Vernetzung.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">\u00a0 \u00a0 ~<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">In musikalischer Hinsicht schien es wichtig, dem Film einen \u201eroten Faden\u201c zu geben, ohne jedoch die individuellen Auspr\u00e4gungen des Disparaten zu nivellieren. Daher entschied ich mich zur Verwendung eines cham\u00e4leonartigen Hauptthemas, das sich permanent neu adaptiert und gleichbleibt, in dem es seine Gestalt ver\u00e4ndert; in vielen F\u00e4llen ist es gar etwas versteckt und nur bedingt bewusst wahrnehmbar. In seiner Konstruktion setzt sich dieses Hauptthema aus zwei verschiedenen Motiven zusammen, wobei das erste (vereinfacht ausgedr\u00fcckt) f\u00fcr die\u00a0<i>Sehnsucht nach Utopien<\/i>\u00a0steht, das zweite wiederum die\u00a0<i>konstruktive Umsetzung dieser Utopien<\/i>. Die Zweischneidigkeit von Utopien auf nimmt im Film eine zentrale Rolle ein: Die M\u00f6glichkeit eines\u00a0<i>Ge<\/i>brauchs impliziert auch einen\u00a0<i>Miss<\/i>brauch. Dieser Aspekt ist im musikalischen Hauptthema dadurch eingefangen, dass es tonal zwischen der gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen harmonischen Distanz (im Intervall des Tritonus) changiert.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Daneben kommen im Film einige musikalische Chiffren vor, die unterschiedliche Bedeutungsr\u00e4ume besitzen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">So steht der Klang des Theremins\u00a0 \u2013 ein Instrument, dass ohne k\u00f6rperliche Ber\u00fchrung gespielt wird \u2013 f\u00fcr die k\u00f6rperlose \u00dcbertragung von Information; einer zentralen im Film thematisierten Utopie. Einerseits tritt es insbesondere dort in Erscheinung, wo es das in musikalische Texturen hineingewobene und somit\u00a0<i>per se<\/i>\u00a0nur schwer heraush\u00f6rbare Hauptthema wiedergibt. Dar\u00fcberhinaus tritt das Theremin (vom Hauptthema motivisch unabh\u00e4ngig prominent im St\u00fcck\u00a0<i>\u201eWireless Dreams\u201c<\/i>, das im Film zweimal auftaucht, in Erscheinung. Hier ist es gekoppelt an die (insbesondere in der Welt der Werbung propagierte) Verhei\u00dfung, derzufolge der Besitzt technisch neumodischer Gadgets auch die pers\u00f6nliche \u2013 nicht zuletzt sexuell konnotierte \u2013 Attraktivit\u00e4t steigert.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Eine weitere Chiffre melodischer Art bezieht sich auf den Aspekt der Interkulturalit\u00e4t und besteht aus einer Melodie, die sich \u00fcber die menschliche Stimme durch verschiedene Soloinstrumente wandert. Durch die unterschiedliche harmonische Kontextualisierung erlangt die an sich gleiche melodische Linie einen kontr\u00e4ren Ausdruck. In der bedr\u00fcckend-depressiven Auspr\u00e4gung wird es zu den Bildern des\u00a0<i>\u201eHuman Zoo\u201c<\/i>\u00a0verwendet; in der surreal-vision\u00e4ren zu Bildern und Filmausschnitten aus dem Kahn-Archiv: Interkulturalit\u00e4t kann als System einseitiger Ausbeutung missbraucht werden; oder aber im Sinne gegenseitiger Bereicherung.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">\u00a0 \u00a0 ~<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Der im Film thematisierte Zeitrahmen erstreckt sich \u00fcber einige Jahrzehnte. Nebst der technischen Revolution korreliert er auf dem Gebiet der Kunst mit einer Aufbruchsstimmung, die sich in zahlreichen musikalischen Neuerungen niederschlug und sowohl das Denken jener Zeit beeinflusste als auch von diesem Denken beeinflusst war, wobei verschiedenste Gedankeng\u00e4nge zu disparaten k\u00fcnstlerischen Ans\u00e4tzen und Ergebnissen f\u00fchrten. Als wichtige musikalische Tendenzen jenes Zeitraums zu nennen sind etwa: Sp\u00e4t- u. Nachromantik; der musikalische Impressionismus; Aufl\u00f6sung der Tonalit\u00e4t \u2013 Expressionismus, Atonalit\u00e4t bzw. Konzepte wie Polytonalit\u00e4t; Jazz; verschiedene Spielarten des Neobarock bzw. der Neoklassik; musikethnologische Str\u00f6mungen (mitbedingt durch die damals relativ neue Musikethnologie).<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Es schien mir wichtig, diese umfassende Palette an stilistischen M\u00f6glichkeiten nicht nur zu reflektieren, sondern sie auch in eine Beziehung zu im Film thematisierten Gedanken zu bringen: Das Vokabular der Musik erlaubt sowohl affirmativen Konsens als auch \u00e4sthetischen Widerstand. In manchen F\u00e4llen verliert das Neue in der Musik seinen \u201ebedrohlichen\u201c Charakter innerhalb weniger Jahrzehnte. K\u00fcnstlerische Ans\u00e4tze, die sich dezidiert gegen einen herrschenden Zeitgeist wandten, wurden von diesem oftmals innert kurzer Zeit selber \u00fcbernommen und adaptiert.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Als\u00a0 \u2013 aus heutiger Perspektive vom Zuschauer nur schwer erkennbare \u2013 Chiffre f\u00fcr diesen Gedanken benutzte ich etwa als musikalisches Element innerhalb der Musik zu den Olympischen Spielen von 1938 ein Quartmotiv, das von vier Posaunen vorgetragen wird. Dieses Motiv verweist auf Komponisten wie Arnold Sch\u00f6nberg oder Paul Hindemith und bezeichnet gewisserma\u00dfen den \u201eAufschrei\u201c bzw. die Gegenstimme jener (oftmals verfolgter und als \u201eentartet\u201c gebrandmarkter) K\u00fcnstler, die nicht gewillt waren, als Mitl\u00e4ufer einem verbrecherischen Regime zu folgen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">\u00a0 \u00a0 ~<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Viele der im Film benutzten Ausschnitte besitzen mehr oder weniger deutliche Spuren der Korrosion und sind besch\u00e4digt. Andere Ausschnitte verweisen auf einen technischen Entwicklungsstand, der aus heutiger Perspektive ebenfalls \u00e4u\u00dferst unzureichend scheint.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Es schien unumg\u00e4nglich, auch diesen Materialaspekt in der Musik auf verschiedene Arten zu reflektieren. Einerseits sind verschiedene Formen der Granularsynthese benutzt, mittels derer instrumentale bzw. orchestrale Texturen in winzige Fragmente zerlegt und dann wieder zusammengef\u00fcgt wurden, wodurch in klanglicher Hinsicht eine Unsch\u00e4rfe, eine Grobk\u00f6rnigkeit erzielt werden konnte. (Derart bearbeitet wird etwa die Musik, die zur Expo 1900 verwendet ist, an verschiedenen Stellen als atmosph\u00e4rische Chiffre f\u00fcr\u00a0<i>\u201ees liegt etwas in der Luft\u201c<\/i>\u00a0benutzt.)<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Andererseits verwendete ich stellenweise auch digitale Verfahren, um den Klang fr\u00fcherer Aufnahmen zu imitieren; benutzte moderne Audiotechnik somit dazu, um die Beschr\u00e4nktheit der alten nachzubilden.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Am sinnf\u00e4lligsten thematisiert ist dieser Aspekt in der Arie\u00a0<i>\u201eMi espander\u00f2\u201c<\/i>: Die Arie setzt ein im klanglichen Korsett einer alten Schellack-Platte \u2013 in mono \u2013\u00a0 und verwandelt sich sukzessive in eine zunehmend brillant klingende, den Zuseher umh\u00fcllende, Surround-Kulisse: Das im Arientext thematisierte \u201esich Ausdehnen\u201c erfolgt hier auch faktisch.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">\u00a0Ein letzter Aspekt soll nicht unerw\u00e4hnt bleiben: In der Entstehung dieses Filmes bildete die wieder-entdeckte Tonspur des Komponisten Edmund Meisel zum Film \u201ePanzerkreuzer Potemkin\u201c einen zentralen Ausgangspunkt.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Obwohl ich Meisels Musik selbst in der Musik zu \u201eDreams Rewired\u201c nicht reflektiere, scheinen mir seine Ansichten und \u00e4sthetischen Forderungen nach einer Filmmusik, die \u2013\u00a0<i>quasi<\/i>\u00a0in einem \u201eGesamtkunstwerk\u201c \u2013 ein zentrales dramaturgisches, durchaus auch kontrapunktisches, Gestaltungs-element ist, weil es eben auch f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Filmes relevante Aussagen trifft. Es ist zu bedenken, dass es nicht zuletzt oftmals aus der Welt der Oper entstammende, handwerklich hervorragende Komponisten waren, die in der Fr\u00fchzeit des Tonfilmes die Filmmusik erst zu einer Kunstform erhoben, indem sie dramaturgische und kompositorische Gestaltungsmittel an diese neue Medienform adaptierten und somit den Weg f\u00fcr eine neue, zeitgem\u00e4\u00dfe multimediale Kunstform bahnten.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">Insofern ist es bedauerlich, dass in den vergangenen Jahrzehnten ein Trend zu beobachten ist, der Filmmusik prim\u00e4r zur blo\u00dfen Verdopplung der Bildebene sieht. Eine solche Musik verliert zwangsl\u00e4ufig ihre eigenst\u00e4ndige Bedeutung und verkommt zu einem affirmativen Berieselungsmedium, das kaum den Anspruch darauf erhebt, bewu\u00dft wahrgenommen zu werden. Egal, ob ein derartiges Musik-Surrogat diskret leise in Befindlichkeits-Klischees dr\u00f6hnt, oder aber in ohrenbet\u00e4ubendem Bombast schweigt. \u00a0<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s2\">22 Juli 2015<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DREAMS REWIRED\u00a0\u2013 Zur Musik\u00a0\u00a0 Siegfried Friedrich Die Musik zu\u00a0DREAMS REWIRED\u00a0stellte in vielfacher Hinsicht eine besondere Aufgabenstellung dar, die einen innovativen Zugang bereits in der Konzeption des musikalischen Materials und der formalen Struktur erforderte. Die Komplexit\u00e4t der vielf\u00e4ltig verschachtelten filmischen Ebene lie\u00df\u00a0per se\u00a0verschiedenste Lesarten und Interpretationen, auch bei der Erstellung der Musik, zu; indes ergab sich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2009,"parent":0,"menu_order":11,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"class_list":["post-1671","page","type-page","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dreamsrewired.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1671","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dreamsrewired.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/dreamsrewired.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dreamsrewired.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dreamsrewired.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1671"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/dreamsrewired.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1671\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2096,"href":"https:\/\/dreamsrewired.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1671\/revisions\/2096"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dreamsrewired.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2009"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dreamsrewired.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1671"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}